Der folgende Text ist schon etwas älter. Ahoi Polloi hat mich mit dieser Karikatur wieder an ihn erinnert.
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Mai 1998
Am Tag, als fest steht, dass Kaiserslautern – der Aufsteiger Kaiserslautern – deutscher Fußballmeister werden wird, erzählt mir ein wildfremder Mann mit polnischem Akzent auf dem Herrenklo, dass es sein größter Traum wäre, die Besiedlung des Planeten Mars noch miterleben zu dürfen.
Der Mann ist alt. Er berichtet mit schwerer Zunge von seinen Kindern, denen er allen ermöglicht hat, zu studieren. Er selbst habe ein hartes Leben als Bergmann unter Tage geführt und doch sei er wohl zufrieden mit allem, wie es bis heute gekommen ist. Der Mann ist betrunken. Schon vom späten Nachmittag an hat er zu jedem Bier, das er bestellte, einen Wodka getrunken. Er sagt, wenn man wie er alles erreicht habe – Kinder gezeugt, Haus gebaut, Baum gepflanzt – bliebe nicht mehr viel übrig, nur noch der beseelte Wunsch, miterleben zu dürfen, wie Männer und Frauen einen anderen Planeten besiedeln und eine neue Welt erschaffen.
Sein Haar klebt ihm in wilden Strähnen an der Stirn. Ich höre ihm noch eine Weile zu. Von draußen dringt die Musik der Showband herein. Die Hochzeitsfeier ist in vollem Gang. Der Mann verschwindet mit einer nachdenklichen Geste der Arme im Klo. Er ist der Onkel der Braut.
Britta und Max haben heute geheiratet.
Ironie des Schicksals: Carola und Helmut sind gerade dabei, sich zu trennen.
Das Wetter schlug Kapriolen an diesem Tag: Trüb und diesig der Vormittag. Nach der Kirche, wie auf Bestellung Sonnenschein und blauer Himmel. Am Nachmittag dann ein schweres Gewitter mit Regen, wie er schlimmer nicht sein kann. Keller mussten ausgepumpt werden. Straßen standen unter Wasser. Der Neffe des Bräutigams hatte seinen ersten Feuerwehreinsatz und wurde mit stolz geschwellter Brust von einem Löschzug wieder zur Hochzeitsfeier zurückgebracht.
Ich sitze neben Helmut. Dieser streckt seinen geschienten Arm von sich – augenscheinlich hat er Schmerzen. Zweite Ironie des Schicksals: Jetzt, da er bestimmt froh wäre, nicht allzu intensiven Kontakt mit Carola zu haben, ist er gezwungen, sich von ihr mit dem Auto durch die Gegend fahren zu lassen. Doch ich werde den Eindruck nicht los, dass sich seit dem unsäglichen Missgeschick mit dem Wagenheber das Verhältnis der beiden wieder gebessert hat.
Der Onkel der Braut ist auch an den Tisch zurückgekehrt. Umständlich setzt er sich auf seinen Platz. Er prostet der Liebsten zu, die sich das eine ums andere Mal hat überreden lassen, einen Wodka mitzutrinken. Seine Augen glänzen vor Freude und vom Alkohol.
Im Laufe des Abends verwandeln sich Fotografien in Personen. Herbert, Kurt, Frank, die Eltern und Geschwister von Britta und Max. Alle hat man irgendwann schon einmal abgelichtet gesehen. Doch jetzt fangen die Fotos an zu sprechen und bekommen einen eigenen Charakter. Es ist wie Zauberei.
Die Band spielt tatsächlich Sierra Martre. Großes Hallo, weil Helmut dies vorher angekündigt hatte.
Dann die Aufforderung der Band, alle Männer mögen nach vorne kommen, ein Lied singen. Danach ein Gegenlied aller anwesenden Frauen. Dann beide Gruppen gleichzeitig.
Schließlich werden in einer schneckenförmig gegenläufigen Polonaise – außen die Damen, innen die Herren – die Toten Hosen bemüht. Eisgekühlter Pommerlunder mit Kniechen, Näschen, Brüstchen … die Stimmung steigt.
Mir fällt der gestrige Tag ein. Eröffnung der Ruhrfestspiele mit Wiesenfest im Stadtpark von Recklinghausen. Unendlich viele Menschen und eine merkwürdige Stimmung, ob dem Beziehungsstress, der bevorstehenden Hochzeit, dem undefinierten Wetter, der drohenden Platzangst.
Ich bekämpfte eine schon den ganzen Vormittag währende Übelkeit mit Bier. Das gelang tatsächlich. Ohne viel gegessen zu haben, schlug das Bier wunderbar an und hob mich eine Stufe höher. Was allerdings blieb, war der nervenaufreibende Kampf mit der Nikotinsucht. Seit drei Tagen keine Zigarette und alle im Stadtpark um mich herum steckten sich eine nach der anderen an.
Ein paar Schnappschüsse mit der Digitalkamera:
Max von der beginnenden Dämmerung blau eingefärbt wie ein Vampir; Britta mit Siegeslächeln; die Liebste und ich als altes Ehepaar.
Helmut sitzt unfotografiert, an einem Baum lehnend, mit seiner früheren Freundin Ursel im Gras.
Bei Carola steht ein Fremder, über den Vermutungen angestellt werden …
Das Motto der Festspiele in diesem Jahr:
Was kommen kann, weiß keiner!